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Etappe 23: Alles im Fluss!

Obwohl wir nur knapp hinter der Grenze sind, schaut alles wieder ganz anders aus als in Kärnten. Die Berge sind irgendwie ein bisschen schroffer, die Flüsse ein bisschen heller und die Sonne ein wenig kräftiger. Noch nie bin ich zu Fuß über die Grenze gegangen und Slowenien habe ich wenn überhaupt nur als Durchfahrtsland nach Kroatien wahrgenommen. Diesmal ist das aber alles anders. Ich gehe mit offenen Augen und nehme die Natur und die Schönheit der Umgebung mit Begeisterung wahr. Ich fühle mich leicht und bereit für neue Eindrücke und Erfahrungen.

Entlang des Flussbetts der Pisnica folgen wir dem Weg. Das gute Wetter der letzten Tage, Wochen und Monaten hat seine Spuren hinterlassen. Das Flussbett ist über weite Teile ausgetrocknet. Zwischendurch kommt immer wieder dieses wunderschöne klare Wasser zum Vorschein. Der helle Untergrund lässt es von eisblau bis türkis leuchten. Dahinter ragen die Berge zum Himmel empor. Immer wieder muss ich stehen bleiben und dieses Bild in mich aufsaugen. Ich mache unzählige Bilder um dann einsehen zu müssen, dass nichts die Schönheit dieses Augenblicks einfangen kann. Das muss man einfach erlebt haben.

Davonlaufen oder die Sterne neu ordnen?

Auf dem Weg zur Russischen Kapelle (ein Meilenstein der Etappe) treffen wir eine Frau, die auch allein unterwegs war. Für sie ist das die erste Etappe. Ich muss ein bisschen schmunzeln, denn sie ist megaschnell unterwegs, voll motiviert und Kleidung und Rucksack sind farblich total abgestimmt. So ungefähr muss ich auf meiner ersten Etappe gewirkt haben. Nach 23 Tagen hat sich meine Perspektive schon ein bisschen verändert. Ich bin langsamer, in mir ruhender geworden. Schnelligkeit und Zahlen sind in den Hintergrund gerückt, meine Haare haben seit 5 Tagen keine Bürste gesehen und die Wahrnehmung ist geschärft. Die kleinen Schilder, die den Alpe-Adria-Trail markieren, erkenne ich schon aus großer Entfernung. Die Dame hirscht an uns vorbei und rennt dabei schnurstracks in die falsche Richtung. Noch bevor wir sie darauf hinweisen können, ist sie auch schon verschwunden. Naja, dieses Lehrgeld muss wohl jeder mal zahlen, wenn er mit dem Trail startet. Sie wird uns nachher bestimmt wieder einholen. Und so kommt es dann auch. Ich bin mit einem Ehepaar aus Graz unterwegs und wir versuchen mit ihr ins Gespräch zu kommen. Was unterm Strich stehen bleibt ist der Wunsch, aus einem bestehenden Leben auszubrechen. Ich stelle mir unmittelbar die Frage, ob das bei mir auch der Fall ist. Mache ich das, um von etwas davonzulaufen oder auszubrechen?

Der Trail und die damit verbundene Einsamkeit zwingt einen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ich würde es nicht als Davonlaufen oder Ausbrechen bezeichnen, aber ich sehe eine Chance darin den Alltag aus einer neutralen Perspektive betrachten zu können. Bin ich mir und meinen Wünschen für mein Leben treu, lebe ich meine Werte, wie ich es von anderen auch erwarte, setze ich die richtigen Prioritäten und gibt es Dinge, die ich in Zukunft ändern möchte. Es fühlt sich an, als hätte man die Chance seine Sterne neu zu ordnen. Manche bleiben am gleichen Platz, mache werden durch andere ersetzt und manche verändern einfach nur ihre Position. Ich glaube, dass es für jeden Menschen eine Bereicherung ist, wenn man die Chance dazu hat. Es muss nicht immer ein Trail sein und es müssen auch nicht 5 Wochen sein, aber ich kann das Wandern definitiv dafür empfehlen.

Steinmännchen wohin das Auge reicht

Wir folgen den Eselspfad, vorbei an der größten Ansammlung von Steinmännchen, die ich je gesehen habe, bis zum Gipfel des Vršič. Von dort sind es noch wenige Meter bis zu einer Hütte. Sie ermöglicht den Blick auf einen waghalsigen Abstieg, der unglaublich spektakulär aussieht. Leider lässt sich dies nicht in Bildern einfangen, aber aus meinem Kopf wird der Moment, als ich einem Mann dabei zusehen konnte, wie er sich nach untern wagt, nie mehr zu verdrängen sein.
Nach einer ordentlichen Stärkung, wie immer alkoholfreies Bier, geht es weiter Richtung Quelle der Soča. Der Weg führt uns hauptsächlich durch den Wald. Zur Quelle muss man dann einem kurzen Klettersteig entlang. Man sollte also den Rucksack in der Hütte unten lassen. Das erleichtert den Aufstiegt umgeheim. Leider führt die Quelle sehr wenig Wasser. Das ganze Land wartet schon seit Wochen auf anständige Regenfälle. Es ist mehr ein Rinnsal, als eine Quelle. Trotzdem ist die Vorstellung großartig, an dem Ort gewesen zu sein, der das gesamte Sočatal begründet. Sogar Pixi hatte ich am Arm mit. Mit einem größeren Hund stelle ich mir das eher schwieriger vor.

Ab diesem Zeitpunkt folgen wir dem Fluss bis nach Trenta. Der Ort hat 98 Einwohner und es gibt ein Restaurant und einen Supermarkt. Das ist ganz praktisch, denn es ermöglicht auch bei später Ankunft noch eine gute Versorgung. Von hier fährt regelmäßig ein Bus in die umliegenden Ortschaften. Das bedeutet, dass die etappenweise Begehung des Alpe-Adria-Trails hier sehr gut funktioniert, da man jederzeit wieder den Bus zurück zum Auto nehmen kann. Und die morgige Etappe verspricht einmalig zu werden. Kaum Höhenmeter und entlang der Soča. Ein Traum. Freu mich schon sehr darauf.